Kanzler Merz: Der Mann, der warten konnte
Am 6. Mai 2025 geschah in der Geschichte der Bundesrepublik etwas, das es noch nie gegeben hatte. Friedrich Merz trat im Bundestag zur Kanzlerwahl an und fiel im ersten Wahlgang durch. Er war der erste Bundeskanzler überhaupt, der die Mehrheit des Parlaments erst im zweiten Wahlgang erhielt. Wenige Stunden später war er trotzdem Kanzler. Dieser holprige Auftakt sagt viel über einen Politiker, dessen Karriere nie geradlinig verlief, der aber immer wieder zurückkam.
Vom Sauerland ins Kanzleramt
Merz wurde 1955 in Brilon im Sauerland geboren. Das ist eine Region, in der Verlässlichkeit zählt und Pathos eher misstrauisch beäugt wird. Sein Großvater war Bürgermeister von Brilon, sein Vater Gerichtsdirektor, seine Frau ist Richterin. Man kann sagen, dass in dieser Familie das Recht und die öffentliche Verantwortung zu Hause waren.
Merz studierte Rechts- und Staatswissenschaften, war kurz Richter, zog 1989 ins Europäische Parlament ein und wechselte 1994 in den Bundestag. Er war ein Aufsteiger mit scharfem Verstand und noch schärferer Zunge. Zwischen 2000 und 2002 führte er die Unionsfraktion, bis Angela Merkel ihn zur Seite schob. Das saß tief.
Die lange Pause
Was dann folgte, ist der eigentliche Stoff für ein Drama. 2009 zog sich Merz aus der Politik zurück und arbeitete als Anwalt und Lobbyist, unter anderem als Aufsichtsratsvorsitzender bei BlackRock. Für viele Wähler wurde dieses Kapitel später zum Symbol: der Mann aus der Welt der Konzerne und der Privatjets.
Dann kamen die Niederlagen. 2018 und 2020 scheiterte er beim Versuch, CDU-Chef zu werden. Wer so oft abgewiesen wird, gibt meist auf. Merz gab nicht auf. 2021 kehrte er in den Bundestag zurück, 2022 übernahm er den Parteivorsitz und den Fraktionsvorsitz. Man kann das als Sturheit lesen oder als Ausdauer, wahrscheinlich ist es beides.
Man stelle sich einen Marathonläufer vor, der zweimal kurz vor dem Ziel stehen bleibt, am Straßenrand wartet und beim dritten Mal doch noch ins Ziel läuft. Das ist Merz’ Biografie in einem Bild.
Was er versprach, was er tat
Merz trat mit großen Worten an: Wirtschaftswende, weniger Bürokratie, härtere Migrationspolitik, ein Deutschland, das wieder führt. Dann musste er regieren, und zwar in einer Koalition mit der SPD. In dieser Konstellation lässt sich nichts nach Lehrbuch durchsetzen.
Der vielleicht größte Bruch mit seinem eigenen Image war die Finanzpolitik. Der Mann, der jahrelang für Haushaltsdisziplin geworben hatte, einigte sich noch vor seiner Wahl mit der SPD und den Grünen auf eine Lockerung der Schuldenbremse und ein riesiges Sondervermögen für Infrastruktur und Verteidigung. Das war ein Kurswechsel, der ihm Kritik aus den eigenen Reihen einbrachte. Verteidiger sagten, die Weltlage lasse keine Wahl. Gegner sprachen von gebrochenen Versprechen. Beide Seiten haben ein Argument, und wer sich ein Urteil bilden will, sollte beide anhören.
Ähnlich ambivalent ist das Bild in der Außenpolitik. Merz versteht Deutschland als Motor Europas, drängt auf eine stärkere Bundeswehr und größere Unabhängigkeit von den USA. Er reist viel, telefoniert viel und tritt auf Gipfeln selbstbewusst auf. Ob daraus dauerhafte Wirkung entsteht, hängt aber weniger von seinem Auftreten ab als von Dingen, die er kaum steuern kann: Kriege, Handelskonflikte, Wahlen in anderen Ländern.
Der Stil: Direkt, manchmal zu direkt
Merz redet gern klar. Das ist seine Stärke und sein Risiko. Seine Anhänger schätzen, dass er Probleme beim Namen nennt, statt sie in Floskeln zu verpacken. Seine Kritiker sagen, er formuliere zu schnell und müsse seine Sätze später erklären. Mehr als einmal hat eine zugespitzte Bemerkung Schlagzeilen gemacht, die wenig mit den Inhalten seiner Politik zu tun hatten.
Merkel führte mit Moderation und Geduld, sie vermied Zuspitzung. Merz tut oft das Gegenteil. In einer Regierung aus zwei sehr verschiedenen Parteien gleicht das einem Koch, der mit scharfen Gewürzen arbeitet, obwohl am Tisch nicht alle scharf mögen.
Zweite Amtszeit? Der Blick nach vorn
Merz denkt offenbar langfristig. Beim Politischen Aschermittwoch in Trier sagte er, er wolle das Kanzleramt „eine längere Zeit” behalten, und strebt nach der Bundestagswahl 2029 eine zweite Amtszeit an. Dass er mit 70 Jahren der älteste Kanzler seit Konrad Adenauer ist, nimmt er eher als Zahl denn als Hindernis.
Seine Bilanz wird sich an wenigen Fragen entscheiden. Kommt die Wirtschaft in Schwung? Spüren die Bürger, dass das viele Geld in Straßen, Schulen und Bundeswehr ankommt? Hält die Koalition, ohne sich dabei zu verbrauchen? Und gelingt es ihm, jene Wähler zurückzugewinnen, die sich von der politischen Mitte abgewandt haben?
Fazit: Ein Kanzler zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Friedrich Merz ist ein Politiker, der lange auf sein Amt gewartet hat und nun zeigen muss, dass Warten allein keine Qualifikation ist. Seine Karriere erzählt von Rückschlägen, Rückzug und Rückkehr. Sein Kanzleramt erzählt davon, wie schwer es ist, große Ankündigungen in einer Koalition und in einer unruhigen Welt einzulösen.
Die wichtigste Lehre aus seinem Weg ist vielleicht diese: Politik belohnt selten die Schnellsten, aber oft die Hartnäckigsten. Ob Merz am Ende als Kanzler des Aufbruchs oder als Kanzler der Kompromisse in Erinnerung bleibt, entscheidet sich nicht in Reden, sondern in den Jahren bis 2029. Interessant bleibt er in jedem Fall, denn wer so oft gescheitert und zurückgekehrt ist, hat gelernt, dass das letzte Wort selten das erste ist.